Mappe 120

1891, vor 121 Jahren, wurde in München der „Verein für Original-Radirung“, wie er sich nannte, gegründet. Im darauf folgenden Jahr gaben die Künstler erstmals eine Jahresmappe mit zwölf Radierungen heraus. Dieses Jubiläum von 120 Jahren künstlerischen Engagements für die vervielfältigenden Künste nehmen nun zwölf Mitglieder des Vereins aus ganz Deutschland und der Schweiz zum Anlass, erneut eine Mappe herauszugeben.

Der Verein wurde von Künstlern gegründet und wird bis heute vom Engagement der Künstler getragen. Dies entsprach der Tradition der Kunstvereine, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden waren, deren Aktivitäten jedoch zunehmend von der Seite des Publikums – den Sammlern und Kunstfreunden – getragen wurde. Im Verein für Original­ra­dierung wird die Tradition des Künstlervereins bis heute fortgesetzt.



Die Voraussetzungen waren 1892 einerseits ganz andere als heute. Der kleine Verein trat in einen Ring, der von mächtigen Künstlervereinigungen beherrscht wurde. Diese prägten als Veranstalter der Kunstausstellungen im Glaspalast die öffentliche Wirkung der zeitgenössischen Kunst. Private Galerien gab es so gut wie keine und auch der „Verein für Original-Radirung“ hatte keine eigenen Räume für Ausstellungen. Die Jahresmappen waren daher das zentrale Forum, um für die Kunst der Radierung zu werben.

Andererseits war das Anliegen der Künstler damals das gleiche wie heute: „Allerwärts hat das erfreuliche und lebhafte Emporblühen der Kunst in der Gegenwart Liebe und Interesse für die Leistungen der Radirnadel [sic] neu geweckt. Diese reizvolle und jeder Individualität sich anschmiegende Technik ist im Stande alles zu leisten, was dem Künstlergeiste vorschwebt. Der Maler hat so manches auszusprechen, wozu ihm Pinsel und Palette nicht immer als die richtigen Ausdrucksmittel erscheinen und so greift er zur Radirnadel, um auf diesem Wege seine Ideen zu entwickeln.“ So schrieben die Künstler in der Einleitung zur Mappe von 1892.

Heute gilt mehr denn je, dass Drucktechniken sich vor allem durch das jeweilige künstlerische Anliegen legitimieren. Mit ihrer Hilfe entstehen Werke, die in keiner anderen Technik möglich wären. Bestimmte Prozesse und Verfahren der klassischen Druckverfahren lassen sich nicht in Malerei, Zeichnung oder am Computer imitieren. Dabei hindert die Klassizität dieser Techniken den experimentierfreudigen Künstler nicht, sie unkonventionell und entgegen jeder Tradition immer wieder neu zu erfinden. Diese Besonderheit und die Vielfalt der Manipulationsmöglichkeiten machen den besonderen Reiz heute aus. Dass man mit vielen Verfah­ren des Hoch-, Tief- oder Flachdrucks auch höhere Auflagen herstellen könnte, spielt demgegenüber kaum mehr eine Rolle. Und schon lange hat sich der „Radierverein“ allen vervielfältigenden Künsten geöffnet.



1892 beteiligten sich dreizehn Künstler an der ersten Jahresmappe; neben den zwölf Blättern gab es eine Titelvignette von Max Dasio. Die Namen reichen vom renommierten Wilhelm Leibl, über typische Vertreter der „Dachauer Schule“ wie den aus den USA stammenden Sion Longley Wenban bis hin zu jüngeren Künstlern wie Peter Halm – später Professor für Radierung an der Münchner Akademie – und dem international erfolgreichen ‚Jungstar’ der Münchner Szene Franz Stuck. In den folgenden Jahren waren auch so erfolgreiche Künstler wie Max Liebermann, Wilhelm von Uhde oder der Schweizer Albert Welti an den Jahresmappen beteiligt.

Im Jubiläumsjahr 2012 lud der Vorstand des Radiervereins zwölf der derzeit 58 Künstlermitglieder ein, je ein Blatt für die geplante Mappe zu schaffen. Papier und Technik konnten frei gewählt werden. Entsprechend der heutigen Vorstellung, jeglicher vervielfältigenden Kunst offen zu stehen, ist die Bandbreite der angewandten Techniken von der klassischen Radierung bis zur digitalen Fotografie breit angelegt.

Die Mappe von 1892 hatte die imposanten Maße von 57 x 45 cm, wobei den Radierungen ein großzügiger Rahmen geboten wurde, der wohl die Wertschätzung gegenüber dieser Technik zum Ausdruck bringen und dem Unternehmen eine repräsentative Wirkung geben sollte. Die Arbeiten der „Mappe 120“ sind alle auf Blättern von 30 x 30 cm gedruckt, wobei einige Künstler den gesamten Umfang des Blattes genutzt haben. Sie sind in einer stabilen Leinenkassette versammelt, wie sie für Graphikeditionen typisch ist. Der Erlös der Mappe kommt vollständig dem Verein zugute, so dass sie ein erneutes Beispiel für das Engagement der Künstlerinnen und Künstler für ihren Verein und das gemeinsame Anliegen wurde. Vor allem aber bietet die „Mappe 120“ einen Querschnitt vervielfältigender Kunst unserer Tage und möchte das Vergnügen am Erlebnis der Techniken und künstlerischen Ideen mit den hier versammelten Originalen dem Betrachter in die Hand geben.

Andreas Strobl